Protest der Journalisten in NRW

Auch in Nordrhein-Westfalen streiken die Kollegen massiv gegen die Kürzungspläne der Verleger. In Dortmund sind heute Nachmittag nach einem Bericht des Onlineportals „Der Westen“ 200 streikende Zeitungs-Redakteure lautstark durch die Innenstadt marschiert.
Seit Dienstag sind Hunderte Zeitungsredakteure aus NRW im Warnstreik.

http://www.derwesten.de/staedte/dortmund/Journalisten-Demo-gegen-Lohnkuerzungen-id4934515.html

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An die Leser des Mannheimer Morgen

Liebe Leser,
Sie wundern und ärgern sich wahrscheinlich, dass Sie immer wieder eine im Umfang verringerte Zeitung erhalten, weil wir, die Journalisten des „Mannheimer Morgen“, streiken. Aber auch wir sind verärgert, dass uns die Ignoranz der Verleger zwingt, unsere Büros zu verlassen, auf die Straße zu gehen und zu protestieren. Wir würden viel lieber recherchieren, Nachrichten auswählen und Artikel schreiben, weil wir mit Leidenschaft Journalisten sind.

Eine Leidenschaft, die sich darin zeigt, dass wir nicht auf die Uhr schauen, sondern weit über die tariflich vereinbarte
Arbeitszeit im Einsatz sind. 36,5 Stunden müssten wir pro Woche arbeiten. Tatsächlich arbeitet jeder von uns deutlich mehr, ohne dass dies – mit Ausnahme von Wochenendeinsätzen – finanziell oder mit Freizeit vergütet wird. Aber sich Informationen zu beschaffen und Berichte zu schreiben – das kostet nun mal Zeit. Zeit, die uns die Verleger nicht entlohnen wollen.

Ignorante Verleger
Oft finden wir Journalisten kaum Zeit, mehr als drei oder vier Sätze am Stück zu schreiben – weil das Telefon klingelt, E-Mails beantwortet werden müssen, Konferenzen und dringende Absprachen anstehen. Trotzdem machen wir unsere Arbeit gern, weil wir hinter ihr stehen.

Wir wollen, dass dies auch künftig so bleibt. Deshalb lehnen wir es ab, dass sich die Arbeits- und Entlohnungsbedingungen für die Berufseinsteiger dramatisch verändern. Einbußen von 25 Prozent, wie sie die Verleger planen, sind darum nicht akzeptabel.

Das Verhalten der Verleger zeugt von purer Ignoranz: nicht nur gegenüber unserer journalistischen Arbeit, sondern auch gegenüber Ihnen, den Lesern – denn Sie haben den Anspruch, für Ihr Geld eine qualitativ hochwertige, gut gemachte Zeitung zu bekommen. Um dies auch weiterhin zu ermöglichen, sind wir auf der Straße, deswegen haben wir diese Streikzeitung herausgegeben.

Wir hoffen und wünschen, dass wir bei Ihnen auf Verständnis für unseren Streik stoßen.

(aus dem „Streikmorgen“ vom Juli 2011)

Journalismus darf nicht alt aussehen

Streikaktion von MM-Redakteuren und Volontären im Neckar
Streikaktion im Neckar. Bild: Thomas Tröster

25 Prozent weniger Gehalt – würden Sie das akzeptieren? Genau das verlangen die Verleger der Tageszeitungen von Berufseinsteigern. So einen Einschnitt gab es in Deutschland noch nie. Die Verlage wollen Redakteure zweiter Klasse einführen, sie gefährden so einen Berufsstand und setzen den seriösen Journalismus aufs Spiel.
Dagegen wehren wir uns. Darum streiken wir.

Hohe Qualifikation gefordert
Wer beim „Mannheimer Morgen“ oder dem „Südhessen Morgen“ eine Ausbildung zum Redakteur machen möchte, muss viel mitbringen: Ein abgeschlossenes Hochschulstudium und Praktika sind Voraussetzung. Für das alles soll ein junger Journalist weniger Geld bekommen – wenn es nach den Verlegern geht. Darum streiken wir.

Qualität braucht eine Basis
Seriöser Journalismus ist einer der Grundpfeiler der Demokratie. Journalisten berichten kritisch darüber, was in Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport geschieht, sie recherchieren und bemühen sich, alle Facetten zu beleuchten. Den Verlegern scheint das egal zu sein, sie sind offenbar mehr am Profit als an der hohen Verantwortung ihrer Mitarbeiter interessiert. Solchen Billig-Journalismus lehnen wir ab. Darum streiken wir.

Wenig Anerkennung
Die Arbeitsbelastung von Journalisten steigt seit vielen Jahren immer weiter. Heute kümmern wir uns auch um das Layout, verfassen Nachrichten für das Internet, machen Fotos – und natürlich erstellen wir die Zeitung für den nächsten Tag. Überstunden sind normal, erfasst werden sie nicht. Jeder arbeitet mehr als seine tariflichen 36,5 Stunden in der Woche, die Verleger setzen das längst voraus. Darum streiken wir.

Sparen ist längst Alltag                                                                                                                                                                                  Journalisten verdienen immer weniger. Real sinken unsere Gehälter schon lange, weil die Tarifabschlüsse unter der Inflationsrate liegen. Zudem haben die Arbeitgeber in den vergangenen Jahren kräftig gekürzt, viele Gehaltsstufen sind gestrichen. Trotzdem fordern die Verleger weitere Einschnitte. So wollen sie das Urlaubsgeld für alle Redakteure streichen, das bedeutet weniger Jahresgehalt. Aber billig ist seriöser Journalismus nicht zu haben. Wir fordern vier Prozent mehr Gehalt. Darum streiken wir.

Entschlossene Journalisten
Die Zeitungsverleger und die Gewerkschaften DJV und DJU verhandeln seit Oktober 2010. Ergebnis bis heute: keines. Die
Verleger sind intern zerstritten, einige wollen eine Einigung, die Mehrheit nicht. Und die Hardliner können sich im Verlegerlager bisher durchsetzen, sie rücken von keiner ihrer drastischen Forderungen ab. Wir Journalisten sind entschlossen, uns gegen diese Forderungen zu wehren. Darum streiken wir.

(aus dem „Streikmorgen“ vom Juli 2011)