Wir recherchieren, schreiben für alle Kanäle, fotografieren, drehen und schneiden Filme, redigieren Texte, layouten und geben jeden Tag mehr als 100 Prozent. Trotzdem sollen wir Jungredakteure und Volontäre immer weniger verdienen – bei befristeten Verträgen und unsicherer Zukunft der Branche. Darum unterstützen wir den Deutschen Journalistenverband (DJV) und die Deutsche Journalisten-Union (dju) in ver.di mit ihrer Forderung von 4,5 Prozent mehr Gehalt und monatlich mindestens 200 Euro mehr für uns Berufseinsteiger. Denn: „Journalismus ist kein Job. Er ist Passion“, sagt eine Volontärin, die lieber anonym bleiben möchte – wie alle Volontäre und Jungredakteure, die sich hier äußern. Sie wollen keine Schwierigkeiten.

„Niemand erlernt diesen Beruf nur, um eine Arbeit zu haben“, sagt sie weiter. „Es braucht Talent, es braucht Ehrgeiz. Und es braucht Liebe – zum Schreiben, zum Lernen und zum Hinterfragen.“ Sie wünscht sich Wertschätzung durch Lob, aber vor allem auch durch Lohn. Die Forderungen der Gewerkschaften findet sie richtig.

„Es geht uns nicht in erster Linie ums Geld“

Ähnlich sieht das auch ihr Volontärskollege, der ebenfalls seinen Namen nicht öffentlich lesen möchte: „Wenn mich Freunde nach meinem Verdienst nach der Ausbildung fragen, sind die Reaktionen meist zurückhaltend.“ Seine Bekannten verstünden nicht, wie man für so einen niedrigen Lohn so lange studieren und sich darüber hinaus auch noch in einem zweijährigem Volontariat zum Redakteur ausbilden lassen könne. Er findet aber solche Reaktionen verständlich, „haben doch etwa Ingenieure oder Informatiker ein viel höheres Nettoeinkommen – auch als Berufseinsteiger.“

Uns geht es nicht in erster Linie ums Geld, sind sich die Jungredakteure, die Verfasser dieses Textes, einig. Der Beruf macht uns Spaß. Gerade in Zeiten von Populismus und Falschnachrichten braucht es uns. Wir ordnen Themen, Ereignisse und Aussagen ein, damit Menschen informiert sind und sie sich ihre Meinung bilden können. Journalisten sind daher ein wichtiger Teil der Demokratie.

Konkurrenzlos billige, aber vollwertige Mitarbeiter

Allerdings passen die Rahmenbedingungen des Jobs nicht, wie auch eine Umfrage des DJV unter Volontären in Baden-Württemberg zeigt. Der Titel: Zwischen Ausbildung und Ausbeutung. „Und der bringt es auf den Punkt. Ebenso wie das Fazit, denn längst sind wir Volontäre für die Verlage einfach nur zu ,konkurrenzlos billigen, aber vollwertigen Mitarbeitern‘ geworden“, sagt eine andere angehende Redakteurin. „Wir müssen die Plätze füllen, die durch den jahrelangen Sparzwang in den Redaktionen entstanden sind. Jeden Tag, zu 100 Prozent. Für Wertschätzung bleibt da oft wenig Zeit.“ Dass sich Wertschätzung nicht alleine über Geld kaufen lasse, sei klar, „aber es wäre ein kleiner Anfang, um all die jungen, kritischen, leidenschaftlichen Redakteure von morgen – uns! – zu halten.“

Doch auch bei der ersten Redakteursstation bleiben die Probleme – nicht nur aus finanzieller Sicht. „Nach dem Volontariat kommt die Befristung“, sagt ein Jungredakteur. „Zu der hohen Arbeitsbelastung gesellt sich die Unsicherheit: Meist winkt nur ein Zeitvertrag. Eine sichere Zukunft sieht anders aus!“

Mehr Freiraum für Ideen und Experimente

Das gilt auch für die Zukunft der Zeitung an sich, die Abo-Zahlen sinken, die Onlinekänale bringen bisher kaum Geld, die Branche steht mitten in der Krise, während der Nachwuchs von Marketingagenturen oder Pressestellen abgeworben wird.  Daher kritisiert ein anderer Volontär, dass sich Chefs über das sinkende Interesse junger Menschen für Zeitungen beklagen, sie aber selbst die Zeichen der Zeit nicht erkennen. „Unsere Themenwahl ist oft auf eine ältere Leserschaft fokussiert, sogar unsere Sprache und unser Duktus sind meist altbacken.“  Für ihn gibt es nur eine Lösung: Junge Journalisten müssen bei Entscheidungen und Themenwahl mehr eingebunden werden, um die Zeitung wieder attraktiv für alle Altersgruppen zu machen. „Sie sollten uns mehr zu Rate ziehen, uns Freiraum für eigene Ideen und Experimente geben. Und weil das nicht passiert, geben viele meiner Kollegen widerwillig ihren geliebten Job auf.“

Den Verlegern sollte also bewusst sein – da sind sich Jungredakteure wie Volontäre einig – , dass sie drauf und dran sind, ihren Nachwuchs zu verlieren, und dass sie damit die Branche in eine noch größere Krise stürzen.

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